CO2 kompensieren – Sinn oder Unsinn?

Abgasqualm eines Pkw Trabbi

Ein Beitrag unserer Gastautorin Fiona von www.migradora.ch: Das Thema „CO2-Kompensation“ in Bezug auf das Reisen spaltet die Gemüter. Die einen finden es sinnlos und halten es für Geldmacherei großer Firmen, andere kompensieren so viel es geht. Was ist wirklich dran am Handel mit CO2? In diesem Artikel möchte ich verschiedene Aspekte beleuchten und das Thema verständlich darstellen.

Was bedeutet CO2-Kompensation und wie funktioniert sie?

CO2 Kompensation bildhaft erklärt
zum Vergrößern klicken (Quelle: www.atmosfair.de)

Bei der Kompensation von CO2 wird die Menge CO2, welche zum Beispiel bei einem Flug ausgestoßen wird, an einem anderen Ort verhindert. So ist durch die Reise nicht mehr CO2 entstanden, da die gleiche Menge andernorts wieder eingespart wird.

Der Handel mit CO2 findet momentan auf zwei Ebenen statt. Der Verpflichtungsmarkt entstand im Rahmen des Kyoto-Protokolls von 1997 und funktioniert folgendermaßen: Eine Tonne CO2 entspricht einem Zertifikat und das wiederum entspricht einer Tonne CO2, die in die Luft emittiert werden darf. Teilnehmer sind zum Beispiel Zementwerke oder die chemische Industrie. Der EU-Emissionshandel soll die Industrie durch den Handel mit Zertifikaten dazu bewegen, weniger CO2 zu emittieren. Je nach Betrieb bekommen sie von einer Behörde eine gewisse Anzahl Zertifikate zugeteilt. Sind diese aufgebraucht, können die Betriebe in umweltfreundlichere Energie investieren, um in Zukunft CO2 einzusparen, anderen Betrieben Zertifikate abkaufen oder in umweltfreundliche Projekte investieren. Die umweltpolitische Wirksamkeit ist umstritten, da die Zertifikate zurzeit sehr günstig zu erwerben sind, womit kaum eine Hemmschwelle geschaffen wird.

Bunte Silos mit Gesicht

Auf dem freiwilligen Markt finanzieren die meisten Anbieter mehrheitlich Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern. Der Handel mit Emissionszertifikaten aus dem europäischen Emissionshandel ist hierbei eher selten. Unter freiwilligen Anbietern ist der Gold Standard der höchste und weltweit strengste Qualitätsstandard bei Kompensationsprojekten. Das Label wird von über 80 NGOs getragen und nur unter Einhaltung folgender Bedingungen erteilt:

  • Das Projekt trägt zur zusätzlichen CO2-Reduktionen bei.
  • Das Projekt involviert und beteiligt die lokale Bevölkerung.
  • Das Projekt trägt zum Aufbau von Know-how und Erfahrungen mit einfachen Technologien in Entwicklungs- oder Schwellenländern bei.
  • Das Projekt nimmt Rücksicht auf die Natur. Wo immer möglich, trägt es zur Erhaltung und Förderung der Biodiversität bei.

(Quelle: www.wwf.ch)

Wer bietet CO2-Kompensation an und wohin fließt das Geld?

Im Weiteren stelle ich euch zwei bekannte CO2-Kompensations-Unternehmen sowie ein alternativ handelndes Unternehmen in diesem Bereich vor.

Logo von atmosfair

atmosfair ist eine deutsche Non-Profit-Organisation mit dem Schwerpunkt Flugverkehr. atmosfair unterstützt Klimaschutzprojekte im Bereich Energieeffizienz, erneuerbare Energien und Umweltbildung. Mit dem Klimaschutzbeitrag baut sie insbesondere in Entwicklungsländern die Produktion erneuerbarer Energien aus und spart somit CO2 ein, welches sonst durch die Verbrennung fossiler Energien entstanden wäre. Zudem profitieren die Menschen vor Ort von sauberer und ständig verfügbarer Energie, was Bildung und Chancengleichheit fördert. atmosfair-Klimaschutzprojekte sind ebenfalls als CDM Gold Standard Projekte registriert, zudem stellen sie – gemäß dem Leitsatz „erst vermeiden, dann reduzieren und erst zuletzt kompensieren“ – sicher, dass dieses Potenzial ausgeschöpft wird, bevor es um CO2-Kompensation geht. So kompensieren sie zum Beispiel CO2 von fossil erzeugtem Strom nicht, weil es dafür mit Ökostrom bereits heute CO2-freie Alternativen auf dem Markt gibt. Der komplexe Emissionsrechner berücksichtigt neben CO2 unterschiedliche Schadstoffe sowie diverse Faktoren wie Flughöhe, Größe des Flugzeugs/Schiffes, Kapazität, Modell etc. Beim Berechnen gilt: Je genauer die Angaben der kompensierenden Person, desto genauer ist die Emissionsberechnung. Bei atmosfair fließen mindestens 80% der Spenden direkt in die Klimaschutzprojekte. In den letzten Jahren waren es sogar immer über 90%.

Logo von myclimate

myclimate ist eine Stiftung, welche 2002 in der Schweiz gegründet wurde. Kompensiert werden Transportmittel und der ökologische Fußabdruck von Haushalten, Firmen und Events. In 30 Ländern werden derzeit mehr als 80 Klimaschutzprojekte unterstützt, welche nicht nur Emissionen reduzieren, sondern auch so angelegt sind, dass die lokale Bevölkerung hinsichtlich Arbeitsplätzen, Wissens- und Technologietransfer und Lebensqualität nachhaltig profitiert. Laut myclimate fließen mindestens 80% der Kompensationsgelder direkt in die Klimaschutzprojekte. Nach einem Vorwurf, welcher dies in Frage stellte, wurde die Entwicklung des Gold Standards vorangetrieben. Neben diesem Label erfüllen myclimate-Projekte auch die Standards des CDM (Clean Development Mechanism, Mechanismus des Kyoto Protokolls für umweltverträgliche Entwicklung) und Plan Vivo (www.planvivo.org). Zusätzlich engagiert sich myclimate in Schulen und Ausbildungsstätten und begleitet Unternehmen, um deren Ressourcenverbrauch zu reduzieren und nachhaltiger zu wirtschaften.
Verschiedene große Unternehmen wie Hotelplan, Swiss und Lufthansa bieten in Kooperation mit myclimate CO2-Kompensation an.

Auf der Suche nach einer Kompensationsagentur ist es wichtig, darauf zu achten, dass die Projekte mit dem Gold Standard ausgezeichnet sind – so ist nicht nur die Reduktion der Emissionen, sondern auch ein Mindestmaß an Rücksicht gegenüber der lokalen Bevölkerung und Umwelt gesichert. Ein wichtiger Punkt ist die Transparenz des Unternehmens – es muss immer klar dargelegt sein wohin das Geld fließt, das man einzahlt. Wird die CO2-Kompensation direkt über den Buchungsort – zum Beispiel über eine Fluggesellschaft oder Hotelplattform – getätigt, gilt es darauf zu achten, dass diese mit einer renommierten Kompensationsagentur zusammenarbeitet.

Der Bezahlungsvorgang läuft meist gleich ab. Bei myclimate wird der Betrag errechnet und man kann entweder allgemein mit einem Klimaschutzprojekt in Entwicklungs- oder Schwellenländern kompensieren oder aber ein konkretes vorgeschlagenes Projekt unterstützen. Zusätzlich kann man für die Klimabildung spenden und/oder das Ganze als Geschenk verpacken.
Auch bei atmosfair kann allgemein oder konkret gespendet werden, zudem wird man auf Wunsch über den Fortschritt des ausgewählten Projektes per E-Mail informiert. Unter der Rubrik „Klimaschutz verschenken“ kann man zum Beispiel die Spende zum Schenken einer Wonderbox für klimafreundliches Garen von Speisen für Familien in Nigeria oder eines umweltfreundlichen Ofens in Ruanda verwenden. Die Bezahlung erfolgt über gängige Arten wie Kreditkarte, Bankeinzug, Paypal oder Überweisung.

Logo von TheCompensators

Ein weiteres interessantes Kompensationskonzept verfolgt der gemeinnützige Verein TheCompensators. Hier kann zwar auch auf bekannte Art und Weise CO2 kompensiert werden, aber es geht auch um was ganz anderes. Mit TheCompensators kann man direkt am Europäischen Emissionsrechtehandel teilnehmen, Emissionsberechtigungen erwerben und ungenutzt löschen lassen. So sind diese Zertifikate nicht mehr erhältlich und 1 Tonne CO2 weniger wird in die Luft gestoßen. Der Verein macht zudem auf die Probleme des EU-Emissionshandels aufmerksam, welcher sich zum Beispiel ausschließlich an große Industrieverschmutzer richtet. Die Emissionen im Verkehr und die damit einhergehende Umweltbelastung werden beispielsweise ausgeblendet.

Wie kann CO2 reduziert und vermieden werden?

Egal auf welcher Seite man sich nun über CO2-Kompensation informiert, eines ist klar: Noch viel wichtiger als CO2-Kompensieren ist die Reduktion und im besten Fall Vermeidung von CO2-Emission. Pro Kopf und Jahr 2,5 Tonnen CO2-Ausstoß gilt als umweltverträglich und doch sind es in Europa durchschnittlich 9 Tonnen CO2. Gerade in Entwicklungsländern sind die negativen Folgen des Klimawandels deutlich zu spüren, wobei der durchschnittliche CO2-Ausstoß in Afrika eine Tonne beträgt. Jede und jeder von uns kann dem mit kleinen Taten entgegenwirken, wenn wir beim Leben und Reisen auf klimafreundliche Produkte und Transportmittel achten.

Gemüsestand auf regionalem Wochenmarkt
Ob Zuhause oder im Ausland – saisonal und regional einkaufen schont das Klima und ist gesund

myclimate (Download der Broschüre) und atmosfair (Download der Broschüre) bieten hierbei Informationsmaterial mit Tipps an. Einige möchte ich hier aufführen.

  • Waschen bei 30 statt 60 °C spart zwei Drittel an Strom und die Wäsche im Freien trocknen spart 1,5 bis 2 Kilogramm CO2.
  • Die elektronischen Geräte stets auf Standby zu halten verbraucht Strom, Mehrfachstecker mit Ein- und Ausschalter sind hier eine gute Lösung.
  • Neugeräte sollten nicht mehr als ein Watt im Aus-Zustand verbrauchen. Mit dem Wechsel vom konventionellen Strommix auf Strom aus erneuerbaren Quellen kann 600 kg CO2 pro Person und Jahr gespart werden.
  • Ob Zuhause oder im Ausland – saisonal und regional einkaufen, dabei öfters auf Fleisch verzichten schont das Klima und ist zudem gesund. Das Wachstum einer Gewächshaustomate zum Beispiel erzeugt das 100-fache an CO2 verglichen mit einer Freilandtomate. Mit dem Kauf von saisonalem und regionalem Gemüse und mindestens einem vegetarischen Essen pro Woche kann 120 Kilogramm CO2 pro Person und Jahr gespart werden.
  • Ökologische Landwirtschaft verursacht bis zu 30 % weniger Treibhausgase als konventionelle Landwirtschaft.
  • Unterwegs anstatt Wasser in PET-Flaschen zu kaufen eine Mehrwegflasche und je nach Land einen Wasserfilter mitzuführen, ist umweltfreundlich und reduziert die Abfallmenge.
  • Auch täglich 5 statt 10 Minuten duschen spart 160 Kilogramm CO2 ein.
  • Bei Kurzstrecken vom Auto aufs Fahrrad umsteigen oder zu Fuß gehen spart bei Distanzen unter 5 Kilometern 900 Kilogramm CO2 pro Person und Jahr.
  • Auch bei der Unterkunft kann auf Umweltfreundlichkeit geachtet werden, zum Beispiel auf www.destinet.eu, eine von der EU geförderten Netzwerkplattform.
  • Auf der Plattform www.fairunterwegs.org sind viele nützliche Tipps zu finden und auch Reiseblogger machen vermehrt auf das Thema „Nachhaltiges Reisen“ aufmerksam, wie zum Beispiel Beatrice von www.reisezeilen.de
  • Beim Reisen mit dem Flugzeug gilt, lieber eine lange anstatt mehrere Kurzreisen zu planen. Vor Ort sollte man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln reisen oder Rad- und Wanderangebote nutzen. Neben der Umweltverträglichkeit steigt auch der Genuss des Reisens, wenn man auf dem Boden bleibt – man lernt das lokale Leben und die Menschen kennen und taucht in die ansässige Kultur ein. Und beim Unterwegssein heißt es schliesslich nicht umsonst: Der Weg ist das Ziel!
  • Sucht man einen Anbieter von Verbrauchszertifikaten, sollte auf zertifizierte Labels geachtet werden. fairunterwegs.org hat hierzu eine Broschüre (Download) herausgegeben, welche die wichtigsten Eigenschaften und Qualitätsmerkmale bekannter Nachhaltigkeitslabels im Tourismus vergleicht.

Mein Fazit

Zuallererst gilt es für mich ganz klar zwischen dem Verpflichtungs- und dem freien Markt zu unterscheiden. Tatsächlich finde ich den Handel mit CO2 kontrovers, gerade wenn man auch liest, wie günstig die Zertifikate zu haben sind. Doch wenn wir privat kompensieren möchten – und dies ist in meinem Artikel auch das Hauptthema – geschieht dies im freien Markt und somit gelten die Richtlinien von Unternehmen wie atmosfair oder myclimate. Wenn man nur kompensiert, um schlichtweg auch das schlechte Gewissen zu kompensieren finde ich dies nicht korrekt. Es soll uns allen bewusst sein, dass nur eine radikale Reduktion und im besten Fall die Vermeidung von CO2 einen Wandel bringt. Da viele Reisende, insbesondere natürlich Viel- und Langzeitreisende, nicht auf das Reisen mit dem Flugzeug verzichten möchten, halte ich die CO2-Kompensation für eine gute und wichtige Möglichkeit einen Beitrag zum Klima zu leisten. Auch wenn die Tendenz steigend ist, werden heute gerade mal ein Prozent aller Flugreisen kompensiert und dies ist erschreckend wenig! Ich möchte dazu anhalten sich – sei es zu Hause oder unterwegs – Gedanken zu machen, was ein Einkauf oder eine Tat für einen Einfluss auf das Klima und somit unsere Zukunft hat. Sich überlegen, ob allenfalls auf eine Aktivität oder ein Produkt verzichtet werden kann, oder man eine Reise so auslegt, dass der CO2-Ausstoß reduziert wird. Und ich wünsche mir, dass all jene, die nicht auf das Reisen und insbesondere Fliegen verzichten möchten, CO2 kompensieren, denn – da bin ich mir nun sicher – wenn dies beim richtigen Anbieter geschieht, handelt es sich nicht um einen Ablasshandel, sondern um eine wahrnehmbare und messbare Verbesserung nicht nur des Klimas, sondern auch des Lebens in Entwicklungs- und Schwellenländern, und das alleine finde ich Grund genug.

Mehr über ökologisches Reisen schreibt Fiona auf ihrem Blog www.migradora.ch.
Ihren Worten können Susi und ich uns nur ausdrücklich anschließen. Um Emmisionen einzusparen, nutzen wir für Reisen kaum noch Flugverbindungen. Den CO2-Ausstoß unseres Autos von Urlaubstouren kompensieren wir mit atmosfair.
Vielen Dank für die ausführliche Betrachtung!

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