Zerlegbar & nachhaltig – Das Fairphone 2

Das modulare Smartphone im Moos

Heute habe ich mal ein ganz besonderes Thema: das Fairphone 2. Das hat dieses Mal weder was mit Babykram noch Outdoor zu tun, aber mit meinem anderen Lieblingsthema: Nachhaltigkeit.

Übersicht

1. Vorgeplänkel

2. Die Idee eines fairen Smartphones

3. Erster Eindruck

4. Aussehen, Verarbeitung und Qualität

5. System und Technisches

6. Praxis

7. Fazit

Vorgeplänkel

Fairphone 2 mit Case zwischen Felsen und Moos
Das moderne Display

Ich bin kein großer Technikfreak und finde es Quatsch und viel zu teuer, mich stets mit neuen Handys auszurüsten. An Verträge binde ich mich nicht mehr und erwarte demzufolge auch nicht aller zwei Jahre ein neues Telefon, was mir eh viel zu verschwenderisch erscheint. Nachdem nun mein Smartphone nach fünf Jahren zu alt war und viel zu wenig Speicherplatz für neue oder überhaupt irgendwelche Apps hatte, musste ein neues Telefon her. Ärgerlich, da es ansonsten noch recht gut funktionierte. Ich hätte vermutlich gleich eines mit größerem internen Speicher kaufen sollen.

Ich erinnerte mich daran, dass eine liebe Freundin vor drei Jahren unbedingt ein Fairphone haben wollte. Es kostete um die 320 Euro und es dauerte eine Zeit lang, bis sie es dann erhielt, weil die Nachfrage so hoch war. Dafür sollte es sehr – wie der Name erwarten lässt – faire Produktionsbedingungen dafür geben. Mir gefiel die Vorstellung, nun auch auf ein solches Telefon umzusteigen und so informierte ich mich genauer über das Fairphone.

Einfach zu lösende Displaybefestigung im Fairphone
Zum Displaytausch öffnet man lediglich die blauen Schieber
Fairphone 2 zerlegt
Bis hierhin problemlos ohne Werkzeug zerlegbar

Was mich neben der ganzen Fairness sofort ansprach, war die modulare Bauweise: Ich kann sämtliche Teile austauschen und das Telefon somit selbst reparieren, wenn ich will. Anleitungen dafür findet man auf fairphone.com. Während man für das Display kein weiteres Zubehör benötigt, wird für die anderen Module lediglich ein kleiner Schraubendreher gebraucht. Fairphone nennt hier den Philips #0 Schraubenzieher der Größe PH0.

Baugruppen im Fairphone
Alle weiteren Module sind mit einem Schraubendreher wechselbar

Der interne Speicher beträgt 32 GB und eine zusätzliche Speicherkarte bis 64 GB kann ich ebenfalls einlegen. Auch die Kamera schien mit 8 MP von ordentlicher Qualität. Soweit klang das doch alles schon recht nett. Nach langem Überlegen –denn mit 525 Euro war es kein Schnäppchen- entschloss ich mich letztlich dafür, das Faiphone 2 zu kaufen, das seit Dezember 2015 erhältlich ist, und bereue diese Entscheidung seither nicht. Vor allem seitdem ich neulich in einer Fotoausstellung war, bei der es um die „dunkle Seite“ des Goldes bei der Finanzierung von Konflikten ging. Aber nun genug Palaver. Hier mein Testbericht für Unentschlossene 😀

Die Idee eines fairen Smartphones

Das Fairphone entstand im Zuge der Zusammenarbeit von Waag Society, Action Aid und Schrijf-Schrijf. Diese Organisationen machten es sich zur Aufgabe über die Förderung von Konfliktmaterialien in Verbraucherelektronik und damit einhergehenden Kriegen im Kongo zu informieren.

„Unser Ziel ist es, das Bewusstsein der Menschen zu schärfen und die Industrie zu einem verantwortungsvolleren Handeln zu motivieren.“1

Goldsucher mit Waschschüssel an der Rauriser Ache
Selten sind die Arbeitsbedingungen der Goldschürfer so angenehm wie hier

Dabei konzentrieren sich die Hersteller des Fairphone auf die wichtigen Bereiche Bergbau, Design, Produktion und Lebenszyklus, um das Smartphone fair und nachhaltig zu gestalten. Das bedeutet beispielsweise, dass sie die Mineralien Gold, Wolfram, Zinn und Tantal transparent und konfliktfrei fördern und die Arbeitsbedingungen und Löhne in Fabriken fair sind. Das Gold ist darüber hinaus fairtrade. Es werden außerdem verschiedene Projekte gefördert und mit anderen Projektpartnern zusammengearbeitet, um nachhaltiger zu produzieren, etwa das Recycling von Elektroabfall zusammen mit Teqcycle.

Das Unternehmen selbst gibt zu, wie unheimlich schwierig es ist, ein Smartphone zu 100% fair zu produzieren. Beschäftigt man sich einmal genauer mit der Herstellung von Telefonen, wird schnell klar, wie viele Aspekte berücksichtigt werden müssen, um diesem Ziel gerecht zu werden. So enthält ein Smartphone neben diesen vier bereits erwähnten Materialien noch eine ganze Reihe weiterer Rohstoffe, z.B. Aluminium oder Kupfer. Daher wird bei diesem Projekt stetig weiter an Verbesserungen gearbeitet. Um auch dem Verbraucher aufzuzeigen, was mit seinem Geld geschieht, veröffentlichte das Unternehmen vor dem Verkauf des Fairphone 2 eine Kostenauflistung ( Download der Auflistung als .pdf ).

Erster Eindruck

Kurz verwirrt war ich, als ich das kleine schmale Paket öffnete, in dem sich ein styroporähnliches Schutzpäckchen um das Telefon befindet. Styropor und Nachhaltigkeit passen nicht zusammen. Es sieht zum Glück nur aus wie Styropor, ist aber Papier mit einem kleinen blauen Band darum.

Telefonat auf einem Hochland in Norwegen
Die Telefongröße ist angenehm

Darin steckt mein neues Fairphone, ein ganz besonderes Smartphone. Es reicht mir von der Handwurzel bis zum kleinen Finger und ist etwa einen Daumen breit, d.h. auf nicht-suse-isch: 143 mm x 73 mm und 11 mm in der Tiefe. An die Größe musste ich mich erst gewöhnen, da das Vorgängersmartphone etwas klein war, aber das ging dann doch recht schnell.

Telefon samt Case wiegen laut Hersteller 168 Gramm; die Küchenwaage sagt 174 Gramm inklusive Sim- und SD-Karte.

Ansonsten gibt es außer einer Beschreibung nichts weiter im Paket – auch kein Ladegerät. Auf der Website wurde ich bereits darauf hingewiesen. Wenn wir mal ganz ehrlich sind, hat doch mittlerweile so ziemlich jeder einen Micro-USB-Lader daheim und wenn nicht, kriegt man die Dinger bei Freunden oder eBay quasi für einen Apfel und ein Ei hinterhergeworfen. Ich find‘s super, dass ich jetzt nicht noch eines von den Dingern rumliegen habe.

Zunächst einmal brauche ich eine Nano- oder Microsimkarte. Die habe ich nicht (Suse mal wieder nicht up to Date ^^‘), kann ich aber, weil ich schon so lange Kunde bin, kostenlos bei Fonic nachbestellen. Platz ist auch noch für eine zweite Simkarte, z.B. für die geschäftliche oder ausländische Nummer, um sich ein zweites Handy zu sparen. Dann noch die SD-Karte reingesteckt und los kann es gehen.

Aussehen, Verarbeitung und Qualität

Beim Bestellen des Fairphone 2 stehen euch folgende fünf verschiedene Farben zur Verfügung: transparent, schwarz transparent, schwarz matt, blau und blau transparent. Ich habe mich für Letzteres entschieden. Das erschien mir zwar zunächst, als würde ich zurück in die 90er reisen, aber ich muss sagen, dass es wirklich edel wirkt. Vorn unterm Display und hinten ist der Fairphone-Schriftzug zu sehen. Das Besondere an der Hülle ist, dass sie als Case das Display ummantelt und dieses so vor Schäden schützt.

Rückseite Faiphone 2 im Moos
Das Case in blau transparent

In der linken oberen Ecke gibt es eine kleine Lampe, die in verschiedenen Farben leuchtet, je nachdem, ob eine Nachricht eingegangen ist oder z.B. der Akku zur Neige geht.

Nahaufnahme der Ladebuchse am Fairphone
Micro-USB am Smartphone

Ein Lautstärkeregler befindet sich an der Seite links vom Display, rechts gegenüber schaltet man das Telefon ein, wechselt den Lautstärke- oder in den Flugmodus. Rechts unten gibt es eine Taste, mit der sich durch längeres Drücken die Kamerafunktion öffnet. Eine Frontkamera befindet sich rechts oberhalb des Displays. Dann gibt es noch den obligatorischen Ladeanschluss an der Unterkante und die Kopfhörerbuchse.

Nahaufnahme der Lautsprecheröffnung am Fairphone 2
Lautsprecheröffnung an der Rückseite

Der Lautsprecher des Fairphone 2 hat ordentlich Saft. Hörbuch oder Musik hören funktioniert prima.

System und Technisches

Das Fairphone läuft mit dem Betriebssystem AndroidTM 5.1, Lollipop. Der Arbeitsspeicher beträgt 2 GB LPDDR3 und das System wird unterstützt durch den SoC Qualcomm Snapdragon 801. Das Display ist ein 5-inch-Full HD Display also 12,7 cm mit 1920 x 1080 Bildpunkten und gestochen scharf. Es besitzt außerdem 4G LTE, W-Lan und Bluetooth®. Der SAR-Wert liegt bei 0,29 W/kg. Laut Verivox2 liegt der niedrigste Strahlenwert eines Smartphones bei 0,114 W/kg; der höchste in ihrer Liste der strahlungsarmen Smartphones bei 0,33 W/kg. Wie bereits am Anfang erwähnt, gibt es eine 8 MP Kamera. Die Frontkamera besitzt 2 MP. Hier die Gegenüberstellung:

Hochlandfoto mit Kamera main
Gerölllandschaft mit Hauptkamera vom Fairphone
Hochlandfoto mit Selfiekamera
Gerölllandschaft mit Frontkamera vom Fairphone

Etwas unschick ist der Ecomodus, der sich übrigens bei 15% automatisch einschaltet. Das orangene Profil, das damit einhergeht, lässt sich scheinbar nicht ändern und wirkt leicht aufdringlich. Aber das war‘s auch schon an Lästigkeiten. Apps wie z.B. der Play Store sind wie gewohnt vorinstalliert. Aber auch iFixit und ein Softwareupdater sind bereits vorhanden, um das Fairphone bei Bedarf zu reparieren und aktuell zu erhalten. Eine Taschenlampe hat das System schon integriert.

Auf dem Sperrbildschirm werden immer wieder verschiedene Infos angezeigt: Uhrzeit mit Datum, nächste Akkuladung, Zeit des Ruhezustands und Besitz des Smartphones insgesamt. Während die Sperrung aktiv ist, kann man zwischen diesen einzelnen Modi durch Drücken oder Wischen wechseln. Scheinbar ist der Sperrbildschirm nicht weiter anpassbar. Das finde ich etwas schade, auch wenn die einzelnen Infos interessant sind.

Man kann sich übrigens aussuchen, ob man den Lautlosmodus von wichtigen Meldungen und Anrufen unterbrechen lassen will oder nicht und wie lange diese Unterbrechungen dauern sollen. Der Stern bedeutet, dass nur wichtige Unterbrechungen wie Alarm oder Anrufe von markierten Kontakten laut sind, das durchgestrichenes O heißt, dass es absolut gar keine Unterbrechungen geben soll, auch keine Alarme.

Praxis

Fairphone 2 auf Stein im spiegelglatten Wasser
Zunächst ist die umlaufende Gummilippe friemelig, aber trotzdem ein super Kanten-& Displayschutz

Die Hülle des Fairphone 2 ist, wenn man damit noch nicht vertraut ist, etwas nervig. Während sie hauptsächlich aus Plastik besteht, sind die Seitenränder aus Gummi, der sich um das Telefon schmiegt. Das Anbringen dauerte bei den ersten Malen etwas, weil sich der Gummi immer wieder etwas verklemmte. Aber nach ein paar Malen geht das leicht von der Hand. An die SD-Karte kommt man nur heran, wenn die Hülle abgelegt ist. Das ist leider das Zugeständnis, das man für das Case machen muss, wenn es besser vor Fallschäden schützen soll.

Kleine Schäden an der Hülle des Faiphone 2
Normale Kratzer am Case

Anfangs habe ich die Hülle öfter an- und abgebaut. Schäden traten dabei nicht auf, aber man muss wirklich genau gucken, dass die Kameradichtung nicht so verrutscht. Nach einmonatiger Benutzung gibt es am Plastik allerdings Kratzer, die mich selbst zwar nicht stören, die man aber erwähnen sollte.

Die Kamera finde ich wirklich gut. Hier die Vergleichsbilder zwischen Spiegelreflex (Pentax K5 II) und Fairphone-Kamera:

Der Akku hält bei sehr starker Benutzung maximal einen Tag. Sehr stark heißt in diesem Zusammenhang: viele Downloads und häufige App- und Kamerabenutzung. Außer in den ersten Tagen habe ich das Telefon nicht mehr nonstop benutzt. Zwischendurch war ich einen Monat in Norwegen, wo ich so gut wie nie W-lan hatte, kaum Fotos schoss (hab ja auch noch die Pentax), ab und an Hörbücher hörte und wenige SMS schrieb. So war der Akku nach drei Tagen noch bei 21% ohne, dass ich den Ecomodus benutzt habe.

Fotografieren geht auch bei niedrigem Akkustand, was bei manchen Smartphones ja nicht funktioniert.

Fazit

Ich liiieeebe mein Fairphone! Es ist ein wirklich leistungsstarkes und langlebiges Smartphone. Die Kamera ist klasse, was mir persönlich sehr wichtig war. Alle Teile lassen sich problemlos austauschen und ersetzen und telefonieren kann man damit auch prima. Man versteht sich ausgezeichnet.

Besonders gefreut habe ich mich, dass mir das Thema fairer Rohstoffhandel auf meiner letzten Reise gleich zweimal begegnete. Zum einen in einem Bergbaumuseum der norwegischen Stadt Røros, in dem ich eine Fotoausstellung zum Thema Goldgewinnung durch Kinderarbeit besuchte, zum anderen im Niedersächsischen Landesmuseum Hannover. Dort war derzeit unter dem Titel „Heikles Erbe“ eine Ausstellung zum deutschen Kolonialismus zu sehen.

Daumen hoch im Display des Fairphone 2
Das nachhaltigste Smartphone am Markt

Wenn ihr noch mehr über das Fairphone erfahren möchtet, könnt ihr auf ihrem Factsheet ( Download der Faktenliste als .pdf ) alles Wichtige nachlesen. Ihr findet dort Infos zu den zentralen Fairphone-Themen Bergbau, Design, Produktion, Lebenszyklus und soziales Unternehmen.

Ich möchte zum Schluss noch erwähnen, dass ich 10% Rabatt auf mein Fairphone erhalten habe. Das Unternehmen macht keine Werbung und ist auf seine Kunden und die Community angewiesen, um die Idee des nachhaltigen Smartphones zu verbreiten. Der Preisnachlass hat meine Meinung in keiner Weise beeinflusst. Ich mag das Fairphone wirklich und stehe vollends hinter der Idee.

1https://www.fairphone.com/wp-content/uploads/2016/08/Fairphone-factsheet-DE.pdf ( Download Factsheet als .pdf ) (27.10.16)

2 http://www.verivox.de/strahlungsarme-smartphones/(27.10.16)

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