TÜV und los!

Geöffnete Dachklappe am LAK II Kofferaufbau auf IFA L60 4x4

Das Wichtigste gleich zu Beginn: Wir haben TÜV, sind reisefertig und seit November 2018 auf Tour. Diese Zeilen schreibe ich aus der etwas kühlen, aber sonnigen Türkei zur Weihnachtszeit, wovon man angenehmerweise nichts merkt. Der IFA schnurrt, Arttu ist begeistert von der Reise, Susi gefällt´s ebenfalls und spannende Bekanntschaften haben wir auch gemacht. So kam es dazu:

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Die Fahrtstrecke der Etappe

(gesamt 2002 km exklusive Probefahrt)

Abreiseendspurt

Es ist bereits Oktober und ich kann nicht schlafen. Nur diesmal nicht, weil ich vor Arbeit nicht weiß, wann ich ins Bett gehen soll, sondern weil meine Baustelle nicht da ist. Der L60 steht seit den Morgenstunden beim Lkw-Fachmann und wartet auf den Gutachter der DEKRA. Funktioniert die überholte Bremse? Klappt die Wiederinbetriebnahme nach über zehn Jahren Standzeit? Welche Mängel wird es noch geben, die ich als Anfänger gar nicht auf dem Schirm habe?

Ölwechsel am IFA L60 4x4 Lkw aus der DDR
Die zum Wechsel abgelassenen 25 Liter Motorenöl 15W40

Tags darauf begleitet mich Susi als natürliche Sympathieträgerin zum TÜV-Termin und warum auch immer: Der Gutachter ist gut drauf, die überholten Bremsen überstehen den Bremsenprüfstand vorbildlich und auch sonst gibt es keinen Mangel. Lediglich die Federspeicher (quasi die Handbremse vom Lkw) müssen noch ein klein wenig nachgestellt werden. Wir haben TÜV und ich bin irgendwie perplex. Aber eine bessere Auszeichnung hätte meine Arbeit und die meiner vielen Helfer nicht bekommen können. Ab jetzt wälze ich mich nicht mehr in einer Mischung aus Demotivation und Zweckoptimismus, sondern habe wieder die Kraft mich voll ins Zeug zu legen.

Bau einer Drehvorichtung für Ersatzradhalterung am IFA L60 4x4
Auch Susi arbeitet fleißig mit am L60. Hier bearbeitet sie einen Teil der neuen Ersatzradhalterung

In den kommenden vier Wochen müssen noch dutzende Liter an Öl gewechselt, einige Öllecks abgedichtet, ein über 150 Kilogramm schweres Ersatzrad mit neuem Halter verbaut werden, ebenso wie Toilette, Solarzellen mit kompletten Stromkreislauf, Kamin und Edelstahlbodenplatte im Eingangsbereich des Wohnaufbaus.

Nachdem das alles durch ist, können wir die Ersatzteilkisten packen, das Reiseequipment zusammensuchen, Vorräte einladen und zur ersten richtige Probefahrt durchstarten. Zum einen werden wir gleich die Absetzvorrichtung des Kofferaufbaus zurück zum W50 von Hannes bringen und zum anderen nutzen wir die Fahrt Richtung Berlin gleich zum Besuch der IFA L60 Geburtsstätte Ludwigsfelde.

Fertige Ersatzradhalterung am IFA L60 4x4 aus der DDR
Dank professioneller Werkstattberatung findet auch das Ersatzrad seinen Platz am Fahrzeugheck

Neben den werksneuen ungefahrenen L60 an der ehemaligen Lkw-Produktionsstätte der DDR sieht unserer jedoch schon ganz schön, naja… „used“ aus. Weil ich nervlich ziemlich auf Spannung bin, ist mir kaum ein Rastplatz zu schade, um den L60 zu parken und genau zu inspizieren. Stimmt der Ölstand? Gibt es ein neues Druckluftleck? Tropft irgendwo irgendetwas? Gibt es ein ungewohntes neues Geräusch? Wie Helikoptereltern eben so sind… Unser Baby ist davon aber völlig unbeeindruckt und stampft mit stoischer Gelassenheit bis Berlin und zurück.

DDR Lkw in Expeditionsausführung
Der wenigen Zeit zum Trotz, wird unser Traum doch noch wahr – ein reisefertiger IFA L60 als rollendes Zuhause

 

Bloß weg – „Winter is coming“

Zwar ist unser Lkw nach wie vor eine einzige Baustelle – Dämmung unfertig, Lenkgetriebeprobleme, fehlende Dusche, kein Innenraumlicht, keine Wasserfilter und noch einiges mehr- aber weder haben wir Bock noch endlos weiter zu bauen, noch wollen wir auch die restlichen Reisemonate fürs Schrauben opfern. Außerdem entstehen auf der ersten richtigen Reise mit einem Fahrzeug eh dutzende neue Umbauideen. Also los!

Durch Tschechien vermeiden wir konsequent Autobahnen und Mautstraßen. Beim Gezuckel über die Dörfer erreichen wir aber nie mehr als 200 Kilometer Tagesleistung. Für sich genommen ist das zwar nicht schlimm, aber wegen der beginnenden Kälte ist die Motivation zum Sightseeing erst einmal dahin. Wir wollen dann doch lieber schnell in den Süden, um Dauernebel und Matschwetter den Rücken zu kehren. Aufgrund diverser Höhen-/Längen- oder Gewichtsbeschränkungen heimsen wir uns bis zu 40 Kilometer Umweg pro Tag ein, was, die Entscheidung, ab der Slowakei Autobahn zu fahren, noch einmal einfacher macht. Als Wohnmobil kostet uns die Vignette für die Slowakei zehn Euro für zehn Tage. Für die anschließende ungarische Autobahn (Fahrzeugkategorie D2) werden rund 25 € für neun Tage fällig. In beiden Fällen spielt das Gewicht des Wohnmobils keine Rolle – zum Glück!
Fast genauso schnell wie wir beide elektronischen Vignetten im Netz gebucht haben, sind beide Länder auch durchfahren.

Globefire Pluto Kaminofen im Wohnmobil IFA L60 4x4
Trotz tschechischem, Schmuddelwetter ist es am Kamin im Wohnkoffer mollig warm

Nun wird es zum ersten Mal für Lastwagenneulinge wie uns spannend: die EU-Außengrenze zu Serbien liegt vor uns. Mit etwas schlechtem Gewissen schleiche ich an der langen Schlange der wartenden Trucker vorbei und spreche die ungarischen Zöllner darauf an, ob sie uns vielleicht über den Pkw-Übergang lassen, da wir doch ein Wohnmobil sind. Ich habe mit allen möglichen Reaktionen gerechnet, aber nicht, dass sie uns, ebenso wie die Serben, problemlos in Pkw-Geschwindigkeit abfertigen. Sie sind sichtlich von unserem IFA mit dem winkenden kleinen Jungen im Fahrerhaus angetan und weisen mich, bei eingeklappten Seitenspiegeln, durch den recht schmalen Grenzübergang ein.

Mit Ausnahme einer übersehenen 3,5 t Gewichtsbeschränkung für die Stadtautobahn von Belgrad, die uns eine ungewollte Hauptstadtrundfahrt einbringt, ist Serbien angenehm zu durchfahren. Nach einer Nacht auf einem Rastplatz und insgesamt 43 € Maut (Fahrzeugkategorie III) verteilt auf vier Mautstationen empfängt uns bereits Mazedonien. Hier ist es auch endlich wärmer und sonniger. Umso mehr bedauern wir es, das kleine sehenswerte Land ohne größere Zwischenstopps zu durchfahren. Zumindest schießen wir noch acht Mauteuronen zur Straßenerhaltung zu und bunkern 300 l Diesel für umgerechnet 315,44 €. Im Rest der EU ist der Literpreis gleich mal 30 Cent teurer und wir wollen möglichst erst wieder auf asiatischem Boden zur Zapfsäule müssen. Das scheint auch realistisch, da ich unsere Reisegeschwindigkeit auf 70 bis 80 km/h (je nach erlaubter Höchstgeschwindigkeit) gesenkt habe und damit der Dieselverbrauch von 25 auf 20 Liter gesunken ist. Auch sonst hat der DDR-Oldtimer noch keine größeren Ansprüche an seine drei Insassen gestellt. Der Öldruck stimmt. Der Ölstand ist ok. Die Kühlmitteltemperatur stimmt. Der Kühlmittelstand bleibt konstant niedrig. Die Servolenkung glänzt durch Abwesenheit. Die beiden, zunächst undichten Radnaben sind nach mehrmaligem Entlüften in betriebswarmen Zustand von allein dicht geworden und selbst die eigenhändig erneuerten Bremsen sind in Bestform als ich vor einem todesmutigen, rotbraunen, mazedonischen Hund vier schwarze Streifen über den Asphalt ziehe.

Anreise geschafft!

Wie immer wenn es zu gut läuft, schickt der Autogott aber auch diesmal ein mysteriöses neues Klappern. Nach einem weiteren Grenzübergang auf der Pkw-Spur und rund 250 Kilometern später schaukelt unser Mobilheim auf einen schönen griechischen Kiesstrand an der Ostküste der Halbinsel Chalkidiki.

Defekte Frostschutzpumpe am IFA L60 4x4 aus Nachproduktion
Der defekte Deckel der neuen Frostschutzpumpe vom Druckluftsystem

Mittlerweile habe ich per Ausschlussverfahren und mit der Hand im öligen Modder tastend entschieden, dass das Klappern von einem beschädigten Silent (Gummipuffer) der Motoraufhängung kommt. Natürlich habe ich dieses Teil in meinen überschweren Ersatzteilkisten nicht dabei und natürlich ist auch gleich noch der Deckel der Frostschutzpumpe ohne erkennbaren Grund geplatzt.

IAF L60 4x4 am Strand in Griechenland
Jetzt ist erstmal Schluss mit der Fahrerei!

Glücklicherweise versenden die Jungs von SÉRA KFT in Budapest (Warum ist das eigentlich nicht kaputt gegangen, als wir daran vorbei fuhren? ^^) auch nach Griechenland. Die Postfiliale vom nahen Ort Stavros ist damit einverstanden, dass wir es direkt an sie schicken lassen. Warum auch nicht? Jetzt haben wir erst einmal einen Haufen Zeit zum Entspannen, was auch dringend nötig ist. Die täglichen Nachtschichten der vergangenen Schraubermonate stecken mir immer noch in den Knochen und der sporadische Durchfall, den ich mir in meinem unendlichen Geiz mit alten Notrationen und überlagerten Nüssen eingehandelt habe, will auch nicht verschwinden. Zudem hat sich Arttu bei bis zu 570 Tageskilometern in Lastergeschwindigkeit, eine ausgiebige Spielpause verdient. Susi freut sich nach über 2000 Anreisekilometern im Fahrerhaus ebenso, dass der angenehme Teil dieser Elternzeit endlich beginnen kann und während die bestellten Ersatzteile bereits verpackt werden, blicken wir einer schönen Herbstzeit mit Meerblick bei fünf bis 15 °C und zumindest besserem Wetter als in Deutschland entgegen. Dort klirrt nämlich bereits der erste Frost.

IFA L60 4x4 am Strand der Halbinsel Chalkidiki in Griechenland
Tramhafter als am eigenen Kiesstrand könnte der Langzeiturlaub gar nicht starten

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6 Gedanken zu „TÜV und los!“

  1. Hallo Ihr Lieben ,
    jetzt im heimischen warmen Wohnzimmer zu sitzen und den ersten heissersehnten Reisebericht zu lesen macht Spass. Wir wissen, dass es Kraft, Geduld und Nerven gekostet hat, so weit zu kommen. Diese Geduld und Ausdauer bewundern wir sehr. Der Bericht ist sehr anschaulich, amüsant und kurzweilig geschrieben :).
    Wir hoffen, Ihr habt noch eine sehr schöne Zeit und erlebt viel. Wir wünschen es Euch von Herzen und drücken die Daumen, dass Euch keine Pannen mehr passieren. Auf Neues sind wir schon gespannt.
    LG von Sabine und Uwe

    1. Heyho, mittlerweile können wir auch sagen, dass sich der Aufwand gelohnt hat. Bis hierhin sind wir auch Dank eurer Hilfe gekommen. Vielen Dank 🙂
      Seit Griechenland ist schon wieder so viel passiert, dass ich im Moment mit Schreiben gar nicht hinterher komme. Vor allem ist die Zeit so langsam echt knapp und wir bedauern es jetzt schon in der Türkei umdrehen zu müssen, obwohl wir nur einen Bruchteil dieses freundlichen, schönen Landes anschauen konnten.
      Worauf wir uns dagegen freuen, ist die Aussicht auf einen gemütlichen Ausklang der Elternzeit im warmen chemnitzer & mansfelder Wohnzimmer.
      Bis dahin gebe ich mir auch Mühe, dass der nächste Reisebericht nicht wieder so lang zur Fertigstellung braucht.

      Liebe Grüße
      Susi, Arttu & Hagen

  2. Geil Hagen, liest sich echt top und es scheint als ob das Abendteier jetzt – verdienter Maßen auch starten kann, viel Spaß euch noch!!!

  3. Hallo Ihr Drei,
    eure Seite habe ich nun schon einige Male besucht und freue mich ganz doll mit Euch über das Geschaffte und jeden gefahrenen Kilometer!
    Warum werdet Ihr Euch sicher fragen, weil ich im Moment genau da bin: … „wälze ich mich … in einer Mischung aus Demotivation und Zweckoptimismus“…
    Ihr glaubt gar nicht, wie sehr ich das alles nachvollziehen kann! …der Koffer steht mit dem ersten Aussenanstrich versehen auf Stützen auf dem Hof, innen gähnende Leere, auch nach dem 2. Einkleben ist ein Fenster immer noch undicht, die Planung für den Innenausbau ist fertig und die Teile/Kartons stapeln sich bereits wie bei einem Versandhandel in meinem Schlafzimmer, das L60-Fahrerhaus wartet auf Karosseriearbeiten und Farbe, der Motor wurde im letzten Jahr getauscht, die Bremsen habe ich auch schon instandgesetzt, usw., usw. … Ein Ende ist irgendwie überhaupt nicht zu erkennen.
    Plan ist trotzdem im Juni zur Hauptuntersuchung zu fahren.
    Deine super Art zu schreiben lässt mich oft schmunzeln und macht mir Mut !!
    Viele Grüße aus dem Mansfelder Land
    Thorsten

    1. Hallo Thorsten,
      da bin ich ja beruhigt, dass dich unsere Erfahrungen mit dem IFA nicht abschrecken. Der Ausbau vorm ersten Tüv war wirklich etwas, was ich so schnell kein zweites Mal brauche. Dass du dir einen Termin gesetzt hast, ist glaube auch ganz wichtig, denn andernsfalls würden auch wir heute noch bauen statt den Lkw zu nutzen. Besser ein bisschen unfertig losfahren, als alles perfekt haben und an dem Projekt scheitern oder jahrelang nicht fertig werden. Zumal diese Projekte ja eh nie fertig werden. Auch ich hab schon wieder einen Kurzurlaub am L60 verbracht um zu Reparieren, da ihn die Fahrt zur Türkei und zurück ganz schön in Mitleidenschaft gezogen hat.

      Sagmal aus welcher Ecke des Mansfelder Landes kommst du? Wir sind ab und an mal die Eltern von Susi in der Gegend besuchen. Vielleicht bietet sich da mal ein kleiner Plausch an. Ich bin immer gespannt wie andere den Ausbau umsetzen und finde sicher ein bisschen Inspiration fürs eigene Auto.

      Auf jeden Fall musst du durchhalten, dein Einsatz lohnt sich!
      Wir würden uns freuen wieder etwas von dir und deinem Projekt zu hören.

      Beste Grüße nach Sachsen Anhalt,
      Susi & Hagen

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